Büchertipps 2020


Unsere Mitarbeiter empfehlen:

 

 

 

Lesetipp von Beate Steglich: Delia Owens 'Der Gesang der Flusskrebse'


Manchmal dauert es bis man das Leseexemplar eines Buches bekommt, so erging es mir mit diesem Titel. Ich hatte bereits Besprechungen gelesen und gehört, war also sehr gespannt .
Nichts war übertrieben, die Geschichte von Kya packte mich sofort. Es handelt sich um einen Entwicklungsroman. Wir begleiten Kya fast 60 ig Jahre lang und diese Jahre haben es in sich. Owens schafft eine unglaubliche Atmosphäre in ihrem Buch und es werden alle menschlichen Gefühle im Leser ausgelöst von Trauer und Hoffnungslosigkeit bis zu Zuversicht und überschäumendem Glück. Dazu beschreibt sie die Marschlandschaft fast fotografisch.
Ein wirklich brillantes Buch dem ich ganz viele Leser wünsche.

Delia Owens, Der Gesang der Flusskrebse, Hanserblau, ISBN : 978-3 -446 -26419-9 , € 22,-.

 

 

Lesetipp von Beate Steglich: Shelia O´Flanagan 'Das Haus am Orangenhain'


Nach dem Gesang der Flusskrebse brauchte ich etwas Kurzweiligeres und wurde nicht enttäuscht. 
Junos Leben gerät aus den Fugen als sie erfährt,dass ihr Freund Brad bei einem Erdbeben in Italien ums Leben kommt. Brad mit dem sie zusammenziehen und eine Familie gründen wollte. Aber dann kommt heraus das Brad ein Doppelleben führte und sie komplett belogen hat.
Um ihr Leben zu ordnen nimmt sie drei Monate Sonderurlaub und fährt nach Spanien, in das Haus der Mutter einer Freundin. Dort passieren viele Dinge, die ihr helfen wieder Freude am Leben und Vertrauen in die Menschen zu finden.
Wunderbare Unterhaltung, leicht zu lesen gut geschrieben ein Stück Schoki für die Seele.

Sheila O'Flanagan, Das Haus am Orangenhain, Insel TB, 978-3- 458- 36474-0, € 10,95.


   

Lesetipp von Stephan Trutzl: Will Cuppy  'Was ich am Frühling hasse'



Für Will Cuppy (1884-1949) war die Tierwelt nicht nur ein Ort der sehnsüchtigen Erfüllung oder ein willkommenes Refugium vor den Fährnissen der Zivilisation. Aus seinem im Jahr 1931 unter dem Titel 'How Tell Your Friends From The Apes' erschienen Buch spricht der mitunter sarkastische Freigeist in liebevoll-bissigen Porträts über alles, was ihn an der Tierwelt, insbesondere der Vogelwelt um seine Hütte auf Jones Beach Island, nervt: 'Ich bin kein Vogelfreund. [...] Ich weiß nur, dass manche noch schlimmer als andere sind.'
So navigiert er uns in seinen Kolumnen vergnüglich durch die Welt der mitunter  'absolut schrecklichen Vögel', über 'Säugetiere guter bis mittlerer Qualität' bis hin zu den 'hässlichen Tieren'. Lesenswert und durchaus auch erkenntnisreich, schreibt er auch an gegen den schon zu seiner Zeit allgegenwärtigen Trend der Naturverklärung seiner amerikanischen Autorenkollegen  Thoreau ('Walden') der Burroughs ('Tarzan').

Will Cuppy: 'Was ich am Frühling hasse', DTV 2020, ISBN 978-3-423-28216-1, € 12,-.


 

Lesetipp von Stephan Trutzl: Michelle Winters  'Ich bin ein Laster'


Agathe und Réjean Lapointe sind ein seltsames kanadisches Ehepaar, das kurz vor seinem 20. Hochzeitstag steht. Sie sind beide frankophone Kanadier, die es in den englischsprachigen Teil verschlagen hat, wo sie immer noch ein wenig fremdeln. Doch während er nur französische Folkmusik hört, ist Agathe durchaus auch dem Rock and Roll zugetan.
Réjean ist ein hünenhafter Holzfäller und leidenschaftlicher Chevrolet-Fahrer, dessen einziger Freund sein Autohändler ist, der aber wiederum heimlich einen Ford fährt. Trotz ihres weitgehend banalen Alltags führt er mit Agathe eine immer noch weitgehend erfüllte Ehe. Das ändert sich schlagartig, als Réjean nicht mehr von einem Angelausflug zurückkehrt und sein Wagen verlassen und ohne irgendwelche Spuren von Gewalt aufgefunden wird. Er gilt fortan als 'freiwillig verschwunden'.
Für Agathe beginnt nun eine Zeit der Ungewissheit und kompletten Umorientierung, die sie mit der Arbeit in einem heruntergekommenen Elektronikgeschäft angeht. Dort trifft sie auf die lebenslustige ehemalige Cheerleaderin Debbie, deren Freundschaft ihr eine komplett neue Welt eröffnet.

Winters Roman ist eine betörend kuriose Mischung aus Kriminal- und Ehegeschichte, humoristisch und ernsthaft zugleich, mit einer durchaus nicht vorhersehbaren Pointe.

Michelle Winters, 'Ich bin ein Laster', Wagenbach Verlag 2020, ISBN 978-3-8031-1352-8, € 18,-
 


 

Lesetipp von Stephan Trutzl: Luca Ventura  'Mitten im August'

Capri ist die Perle der italienischen Inseln im Golf von Neapel und eigentlich geht man dorthin, um ein entspanntes Leben zu genießen. Selbst Polizisten verleben hier normalerweise einen relativ ruhigen Alltag fernab der Hektik und Gewalttätigkeit der Metropole auf dem Festland.
Für Enrico Rizzi ist diese Idylle spätestens vorbei als ein Toter in einem Ruderboot gefunden wird. Der Mord an dem abtrünnigen Sohn einer norditalienischen Industriellenfamilie gibt einige Rätsel auf, die Rizzi und seine Kollegin Cirillo, degradiert und 'verbannt' auf die Insel, nur mit einem hemdsärmeligen Pragmatismus lösen können, der weder ihrem Vorgesetzten noch den Kollegen auf dem Festland behagt.
Kein harter aber auch durchaus kein reiner Wohlfühlkrimi vor grandioser Kulisse.


Luca Ventura: 'Mitten im August', Diogenes Verlag 2020, ISBN 978-3-257-30076-5, € 16,-


 

Lesetipp von Stephan Trutzl: Juri Buida 'Nulluhrzug'


Ein rätselhafter Zug, der jede Nacht um Punkt Null Uhr Station Nr. 9 in einem russischen Gulag passiert. Keiner weiß, wohin er fährt und was er transportiert.
Eine kleine Siedlung an dieser Station, deren Einwohner nur die Aufgabe haben, diesen Zug störungsfrei passieren zu lassen.
Die persönlichen Leiden und Tragödien dieser Einwohner, ihre zunehmende Verrohung und gleichzeitige Menschlichkeit, vermischen sich mit der offenbaren Sinnlosigkeit ihrer Existenz.  Nach dem Sowjetunion löst sich das Lager langsam auf, doch einer der Bewohner ist gewillt, das Geheimnis des Zuges um jeden Preis zu lüften.
In einer fast kafkaesken Parabel über totalitäre Gesellschaften schafft Juri Buida einen Spagat zwischen Brutalität und Poesie, der länger nachhallt.

Juri Buida: 'Nulluhrzug', Aufbau Verlag 2020, ISBN 978-3-351-03785-7,  €18,-


 



 

Lesetipp von Beate Steglich: Sasha Filipenko 'Rote Kreuze'

Alexander ist 30ig Jahre alt, verwitwet und möchte mit seiner Tochter in Minsk neu anfangen .
Tatjana ist über 90ig dement und seine Nachbarin, die getrieben von der Angst alles zu vergessen , Alexander ihr Leben
erzählt.
Dieses Buch hat mich sofort gefesselt , Filipenko zieht den Leser  in den Bann seiner Protagonisten, die vom Schicksal beide übel behandelt wurden, nebenbei erfährt man Aspekte der russischen Geschichte die mir so neu waren.
Ein Buch dem ich viele Leser wünsche, denn es ein kluges Buch.

 

 

 

 

Lesetipp von Christiane Bröker: Jasmin Schreiber 'Marianengraben'

    

       Ein wunderbares Buch über Trauer, Freundschaft und Hoffnung.

       Dies ist die Geschichte einer jungen Frau, die über den viel zu frühen Tod ihres kleine Bruders nicht hinweg kommt. Ihre Trauer ist so

       tief wie der Mariannengraben.
       Nachts lernt Sie auf dem Friedhof, unter seltsamsten Umständen, einen alten Mann kennen, der auch mit dem Verlust eines

       geliebten Menschen hardert.
       Zusammen begeben sie sich auf eine ungewöhnliche Reise mit einem Wohnmobi, welche für beide und auch den Leser, immer

       wieder für, teilweise sehr lustige, Überraschungen sorgt.

 

Lesetipp von Christiane Bröker: Benjamin Quaderer 'Für immer die Alpen'

      

       Dies ist die völlig verrückte, fiktive, Lebensgeschichte des Mannes, der die erste Steuer-CD aus Lichtenstein an die BRD verkauft hat.

       Anhand der bekannten Lebensdaten hat der Autor eine wunderbare, spannende und teilweise irre, aber auch komische Geschichte 

       geschrieben, welche, auch in ihrem Erzählstil, immer wieder überrascht. Je paranoider der Ich-Erzähler wird, desto skurriler wird

       auch der Erzählstil.

       Über 500 Seiten ungewöhnliche Unterhaltung!

 

 

Lesetipp von Romy Eichhorst: Nickolas Butler 'Ein wenig Glaube'


Nickolas Butler erzählt ins seinen Romanen von dem, was die Menschen verbindet. Und von dem was sie auseinandertreibt.
In dieser Geschichte bedroht religiöser Irrglaube das Leben eines kleinen Jungen.
Lyle, der Großvater des kleinen Isaac, ist ein zäher Mann vom alten Schlag. Eigentlich hat er keinen Glauben mehr. Er hat schon einmal ein Kind verloren.

So wie Nickolas Butlers das Geschehen schildert, bietet er dem Leser einen Kompass.

Für ihn reicht, 'ein wenig Glaube'.


 

Lesetipp von Romy Eichhorst: Alain Claude Sulzer 'Unhalbare Zustände'

 

Alain Claude Sulzer Roman ist herrlich altmodisch und aus der Zeit gefallen.
Die Geschichte um seinen Helden Stettler, einen Schaufensterdekorateur, spielt in den 60iger Jahren in Bern.
Stettler, geht ganz in seiner Berufung als Schaufenstergestalter des Quatre Saison, eines großen Berner Kaufhauses auf.
Als ihm ein neuer, junger Kollege vor die Nase gesetzt wird, der innovativer ist als er selbst, fürchtet er, dass sein Stündlein geschlagen hat.
Auch hat er Angst dem Wandel der politisch und moralisch, aufbrechenden Zeit, nicht gewachsen zu sein.
Ausser seinem Beruf hält Stettler nur durch den Briefwechsel mit der Radiopianistin Lotte Zerbst, Kontakt zur Außenwelt.
Sulzer erzählt eine Art Parabel auf die sich, auch damals schon, rasant verändernden Zeiten. Und darauf, dass der schnelle Wandel der Lebensumstände jedem Einzelnen dauerndes loslassen und Bereitschaft sich dem Neuen zu stellen, abverlangt.

Sulzers Stil schmiegt sich ganz dem seiner erzählten Zeit, den 60igern, an.


 

Lesetipp von Stephan Trutzl: Maik Brüggemeyer 'Pop. Eine Gebrauchsanweisung'

 

Freunde der populären Musik, egal ob interessierte Laien oder Nerds, werden an diesem Werk des 'Rolling Stone'-Redakteurs Maik Brüggemeyer ihr Vergnügen haben. In einem lockeren Frage-und-Antwortstil werden auf unterhaltsamste Weise wichtige Fragen zur Popmusik verhandelt. Das Spektrum reicht von der Geschichte des Pop, über das Handwerk bis hin zu den allerletzten Fragen, auch denen des guten Geschmacks. Dabei finden nicht nur die offensichtlichen popmusikalischen Meilensteine der Dylans, Presleys, Beatles oder Rolling Stones Erwähnung, sondern auch abseitige Werke. Im Kapitel 'Muss Musik schön sein?' beispielsweise machte ich erstmals Bekanntschaft mit The Shaggs, einer der absonderlichsten Bands der Popgeschichte. Und nein, diese Musik ist weder schön noch gewöhnlich.

Brüggemeyers Buch bietet Orientierung in einer zunehmend unübersichtlichen Welt der Popkultur und wer sich hier und da zum Widerspruch herausgefordert fühlt, der hat bei der Lektüre auch gewonnen


 

 

Lesetipp von Beate Steglich: Dolores Redondo 'Alles was ich dir geben will'

 

Manuel ist Autor und mit dem Werber Alvaro verheiratet, das Leben verläuft wunderbar geordnet. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem          Manuel erfährt, dass Alvaro einen tödlichen Autounfall hatte. Dieser Unfall erreignete sich in Galicien und nicht in Madrid,                wo Alvaro eigentlich beruflich sein sollte. Manuel erlebt nun 4 Wochen voller Irrungen, Wirrungen, emotionalen Achterbahnfahrten,    unverblümtem Hass, aber auch voller Freundschaft und Hoffnung.

Ein wunderbares, sehr spannendes Buch, voller unvorhergesehener Wendungen, die uns an die Abgründe menschlicher Hinterlist    führt.

Wirklich lesenswert.

   


 

 

Lesetipp von Beate Steglich: Alina Bronsky 'Der Zopf meiner Großmutter'

Alina Bronsky schreibt genial. Sie schafft es, ihre Leser zu fesseln, von der ersten Zeile an. Maxim wandert mit einen Großeltern aus der ehemaligen UdSSR nach Deutschland aus. Der Großvater ist schweigsam , die Großmutter eine Generalin, die sowohl ihre Familie als auch Bereiche mit denen diese zu tun hat kontrolliert. Weder Nachbarn noch Lehrer sind vor ihren Grundsätzen sicher. In diesem Klima wächst Maxim auf, immer bemüht, nicht in Omas Radar zu geraten. Hierbei beschäftigt ihn die große Frage nach seiner Mutter und warum er bei den Großeltern lebt. Brillant spinnt Alina Bronsky ihren Erzählfaden, spannend, witzig, seltsam und doch schlüssig.



 


 

Lesetipp von Stephan Trutzl: Herbert Kapfer '1919'

Wer sich noch an Walter Kempowskis „Echolot“ erinnert, der bekommt nun ein kühnes Gegenstück serviert. Auch in Herbert Kapfers „1919“ ist alles Zitat. 123 Einzelkapitel erzählen von Deutschland im Jahr nach dem Großen Krieg. Ein Kabinett bevölkert mit unterschiedlichsten Charakteren: Kriegsheimkehrer, Revolutionäre, Matrosen, Revolutionäre, Reaktionäre, Gymnasiasten und selbst einer Truppe deutscher U-Bootbauer, die in einer geheimen Höhle im Mittelmeer tätig ist. Doch in Kapfers Buch ist alles nur Fiktion, gespeist aus (Groschen-)Romanen, Anekdoten, Aufsätzen und Berichten. Keine authentischen Augenzeugenberichte, sondern Utopien, Hirngespinste und Fantasien zeitgenössischer Autoren. So entsteht entgegen dem festgeschriebenen Geschichtsbild eine fiktive Gegenwelt, die Zeugnis davon gibt, welche Hoffnungen und Ängste in jener Zeit auch virulent waren.


 


 

Lesetipp von Beate Steglich: Maxim Leo 'Wo wir zu Hause sind'

Maxim Leo wird 1970 in Ost-Berlin geboren. Er empfand seine Familie immer als sehr klein, denn in den dreißiger Jahren mussten die Leos vor den Nazis fliehen und diese Flucht verstreute die Familie. Maxim Leo‘s Großvater ging nach dem Krieg bewusst in den Osten, denn er glaubte an die Idee der Gleichheit aller Menschen. Als Erwachsener macht sich Maxim auf, die Familie aufzusuchen und dabei seine Familiengeschichte zu erfahren und aufzuschreiben. Ihn führt es nach Frankreich, Großbritannien und Israel. Er erfährt von großen Träumen, Hoffnungen, Lieben, aber auch von Enttäuschungen und der Suche nach den eigene Wurzeln. Wir sind in dem Buch immer an seiner Seite, staunend wie er, berührt wie er und ebenso hoffnungsfroh, denn es gibt einen Weg aus dem Schrecklichen, das seiner Familie wiederfahren ist. Ein sehr warmes Buch , das den Leser an die Chance auf Vergebung glauben lässt.



 


 

Lesetipp von Petra Faust: Sarah Kuttner 'Kurt'

Lena und Kurt gewöhnen sich gerade an das idyllische Dorfleben in der brandenburgischen Provinz, als die Katastrophe über sie hereinbricht. Kurts sechsjähriger Sohn stürzt unglücklich und stirbt an den Verletzungen. Nichts ist mehr, wie es war. Während Kurt sich zurück zieht und für Lena kaum noch greifbar ist, hadert sie mit ihrer Rolle als verwaiste „Stiefmutter“ und ihrem Recht, um das Kind zu trauern. Berührend und eindrucksvoll erzählt Sarah Kuttner, wie eine Patchworkfamilie nach dem Unfalltod des Kindes auseinander zu brechen droht und wie die Hinterbliebenen langsam zurück ins Leben finden.


 


 

Lesetipp von Katja Gossens: Urzula Poznanski 'Vanitas. Schwarz wie Erde'

Carolin, einst als Polizeispitzel einer der brutalsten Banden des organisierten Verbrechens auf der Spur,  arbeitet in einem Blumenladen auf dem Wiener Zentralfriedhof. Fasst niemand ahnt, dass sie Ihren letzten Einsatz überlebt hat. Mit ihren Auftraggebern kommuniziert sie ausschließlich verschlüsselt – über die Sprache der Blumen. Denn ihre größte Angst ist es, gefunden zu werden. Doch dann erreicht sie ein neuer Blumengruß, der sie zwingt, zu handeln, um ihr beinahe unsichtbares und verdecktes neues Leben in Wien zu sichern. Ein scheinbar harmloser Auftrag, der sie nach München führt und sie bald so einnimmt, dass sie ihrer Neugier nachgibt und beginnt, vom stillen Posten der Beobachterin aus zu dem der aktiven Ermittlerin zu wechseln. Ein Fehler, der sie ihren eigenen Tod bald ein zweites Mal erleben lässt…? Ein psychologischer und zeitweise düsterer Thriller, der nach gewohnter Poznanski-Art rasant startet! Streckenweise wir der Verlauf dann etwas ruhiger, dies weiß die Autorin mit ihrem fesselnden Schreibstil aber zu kompensieren. Die ungewöhnlichen Kommunikationsmethoden haben mir gut gefallen und auch Carolin Bauers realistisch dargestellten Ängste – ich hätte mir sie selber aber noch ein wenig härter gewünscht. Ein vielversprechender Auftakt - deshalb freue ich mich auch schon auf den nächsten Fall!



 


 

Lesetipp von Stephan Trutzl: Miriam Toews 'Die Aussprache'

Acht Männer aus der mennonitischen Kolonie Molotschna in Kanada stehen 2011 vor Gericht: sie sollen die Frauen und zum Teil auch Kinder Kolonie betäubt und vergewaltigt haben. In deren Abwesenheit beraten acht Frauen, was nun zu tun sei, protokolliert von einem Außenseiter, dem Lehrer August Epp. Sollen sie bleiben und den Männern vergeben oder die Kolonie verlassen, obwohl sie kaum Kenntnis haben von der sie umgebenden Welt. Die Zeit drängt, denn nach 48 Stunden werden die Männer vom ersten Gerichtstermin zunächst wieder zurückkehren. Basierend auf einem authentischen Fall in Bolivien schildert die Kanadierin Miriam Toews, die selbst aus einer Mennonitengemeinde stammt, wie zuvor völlig fremd bestimmte Frauen in einer streng patriarchalisch organisierten Gesellschaft gemeinsam schließlich ein Selbstbewußtsein entwickeln, das sie zu eigenständigem Handeln befähigt.


 


 

Lesetipp von Beate Steglich: Julian Barnes 'Die einzige Geschichte'

Paul ist 19 Jahre alt, als er sich in die doppelt so alte Susan verliebt. Das prüde, ländliche Umfeld der 70er Jahre ist entsetzt, was Paul noch stärker an Susan bindet. Die beiden brennen durch und leben über zehn Jahre zusammen, bis er es nicht mehr aushält und sich trennt. Kann eine Entscheidung ein ganzes Leben beeinflussen, lösen sich Schuldgefühle auf? Fragen, die Paul sich viele Jahrzehnte später stellt  und uns als Leser an unsere Grenzen führt. Ein Buch das einen sehr zum Nachdenken bringt.



 


 

Lesetipp von Stephan Trutzl: Ian Manook 'Der Mongole. Das Grab in der Steppe'

Ein brutaler Mord an mehreren chinesischen Geschäftsleuten in der mongolischen Hauptstadt Ulanbataar und der Fund einer Kinderleiche in der Steppe setzen Ereignisse in Gang, die den alten brodelnden Vulkan Kommissar Yeruldelgger mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontieren und ihn an den gefährlichen Rand seiner Existenz bringen. Zusammen mit zwei beherzten Kolleginnen macht er sich an die Lösung der beiden Fälle, die ihn auch wieder zu den Wurzeln und Traditionen seines Volkes zurück führen. Ein düsterer, harter und doch auch sehr spiritueller Thriller. Ein hoch emotionaler Roman mit einem wuchtigen Helden, der plastisch eine Gesellschaft beschreibt, die weitgehend im Schatten unserer Wahrnehmung existiert.



 


 

Lesetipp von Petra Faust: Daniela Krien 'Die Liebe im Ernstfall'

Fünf Frauen, deren Lebenswege sich manchmal gewollt, jedoch meistens zufällig kreuzen. Ihre Charaktere und Schicksale sind sehr unterschiedlich, aber eines verbindet sie durch das gesamte Buch hinweg - die Liebe im Ernstfall. Lebensnah und schonungslos offen schildert Andrea Krien in verschiedenen Zeitebenen erstes Verliebtsein, Bindung und Scheitern - und das Wagnis des Neuanfangs. Keine der Frauen macht es sich leicht, keine findet auf Anhieb den richtigen Mann, die Enttäuschungen sind groß. Im Rückblick scheinen manche Entscheidungen in einem neuen Licht. Für mich eine klare Leseempfehlung.


 


 

Lesetipp von Stephan Trutzl: Susan Hill 'Stummes Echo'

May Prime ist das letzte von vier Kindern auf dem nordenglischen Hof Beacon als nach ihrem Vater John schließlich auch ihre Mutter Bertha stirbt. Nach einem Studienjahr des „Grauens“ Studium in London kehrte sie zurück, während ihre Geschwister allesamt heirateten und den Hof verließen. Während sie die Vorbereitungen für die Beerdigung trifft, sind die Erinnerungen an glücklichere Tage ein Refugium, wäre da nicht ihr Bruder Frank, der diese ruhige Idylle mit einem Buch für immer zerstörte. „Stummes Echo“ ist ein wunderbar lakonisch und doch zwischen den Zeilen emotional erzähltes Buch über die Kraft und Bedeutung der Erinnerungen, aber auch die Macht des gedruckten Wortes.


 


 

Lesetipp von Nicole Potzel: Michel Houllebecq 'Serotonin'

Der Meister unter den modernen Romanciers lässt mit gewohnter Provokation und Freizügigkeit seinen lebensüberdrüssigen Antihelden mit gewissenloser Vergangenheit als scheinbares Ekelpaket durch ein zermürbtes Europa streifen - doch der übliche zivilpessimistische Schocker hält ergreifende Wendungen bereit- zutiefst komisch, zynisch und traurig gewährt uns Houellebecq -brilliant formuliert- tiefe Einblicke in menschlicher Existenz.


 


 

Lesetipp von Beate Steglich: Kent Haruf 'Abendrot'

Es geht weiter mit den McPheron Brüdern und Victoria. Die junge Frau verlässt mit ihrer Tochter den Hof ihrer Retter, um zu studieren. Aber in der Kleinstadt Holt passieren weiterhin ganz viele schöne und auch tragische Dinge, die auf die eine oder andere Weise mit den McPherons zu tun haben, oder ihren Weg kreuzen. Haruf schafft es, den Leser zu fesseln und zu berühren, ohne rührselig zu sein. Das ist eine große Kunst.


 


 

Lesetipp von Nicole Potzel: Ernst Piper 'Rosa Luxemburg'

Ganz unvoreingenommen und mit umfassender Kenntnis der Quellen beschreibt Piper in kaum zu übertreffender Ausführlichkeit die revolutionäre Sozialistin Rosa Luxemburg sorgfältig und objektiv in ihrer findigen, mutigen und klugen Persönlichkeit. Er zeichnet ihren Lebensweg durch Zitate und viele erläuterte Texte aus ihren zahlreichen Aufzeichnungen gewissenhaft nach und zeigt nicht ideologisch verzerrt die linke Ikone, sondern die leidenschaftliche, faszinierende Politikerin, die ihr Leben lang auf der Suche nach Freiheit und Gleichheit war. Ihre philosophischen Schriften sind gerade heute eine Wiederentdeckung wert im Hinblick auf ein vereinigtes Europa und auf die Gleichberechtigung in ihren vielschichtigen Facetten. Meine absolute Leseempfehlung.


 


 

Lesetipp von Beate Steglich: Graham Norton 'Eine irische Familiengeschichte'

Ein Buch, das erst relativ harmlos anfängt. Elizabeth kehrt nach zwei Jahrzehnten aus New York in ihren Heimatort zurück um den Nachlass der verstorbenen Mutter zu regeln. Ihr Sohn soll derweil seinen Vater besuchen, von dem Elizabeth geschieden ist. So weit, so 'normal'. Aber dann schafft es Norton, den Leser so zu fesseln, dass  man das Aussteigen aus der Straßenbahn vergisst. Er lässt seine Geschichte auf zwei Zeitebenen spielen, zum einen vor etwa 45 Jahren, als Elizabeths Mutter Patricia versucht ihr Glück zu finden und Elizabeths Vater kennenlernt, und dann in der Gegenwart. Elizabeth findet beim Ausräumen ihres Elternhauses Briefe des Vaters an die Mutter und spürt der Vergangenheit nach. Die Handlung wird spektakulär, der Spannungsbogen bricht bis zum Schluss der Geschichte nicht ab. Liebe, Hass, Sehnsucht, Schuld, Vergebung  - alle großen Gefühle spricht Norton an.


 



 

Büchertipps 2018


Unsere Mitarbeiter empfehlen:
 



Lesetipp von Beate Steglich: Juli Zeh 'Neujahr'

Henning und seine Frau Theresa machen mit den beiden Kindern Weihnachtsurlaub auf Lanzarote, so weit so gut. Doch Henning wird seit der Geburt seiner Kinder von Panikattacken heimgesucht. Bei einer Radtour, die er allein unternimmt, kommt er an einem Gebäude vorbei, das die allerschlimmsten Erinnerungen in ihm wachruft. Hier war er als Kind und hier ist etwas ganz Furchtbares geschehen. Sehr einfühlsam und trotzdem, wie in einem Thriller, begleiten wir Henning bei seiner mentalen Reise in die Schrecknisse der Kindheit, die er lange verdrängt hat. Beeinflussen diese schlimmen Ereignisse sein heutiges Verhalten immer noch? Kann er abschließen und für sich einen Neuanfang finden? Ein wirklich mitreißendes Buch.


 



 

Lesetipp von Beate Steglich: Maja Lunde 'Die Geschichte des Wassers'

Genau wie der erste Titel von Maja Lunde über die Bienen, hat mich auch dieses Buch gefesselt. Und die Zukunft, wie Frau Lunde sie skizziert, hat mich zu tiefst erschreckt. Ein Buch, das einen emotional aufrüttelt. Maja Lunde versteht es, den Leser zu packen. Ihr Roman spielt in zwei Zeiten. Im Jahr 2017 geht es um eine norwegische Umweltaktivistin, die gegen das Abernten der Gletscher in ihrer Heimat kämpft. Der zweite Handlungsstrang spielt 2041 in Südfrankreich. Ein junger Vater und seine Tochter fliehen vor Ernteausfällen und Wassernot, denn das Salzwasser des Mittelmeeres steigt immer mehr an und das trinkbare Süsswasser wird immer knapper. Sie versuchen, wie so viele, in die Wasserländer zu fliehen und befinden sich in einem Flüchtlingslager. Dieses Buch müssten alle Entscheidungsträger lesen, weltweit!

 



 

Lesetipp von Stephan Trutzl: Jason Hickel 'Die Tyrannei des Wachstums'

Jason Hickels Buch ist unbequem. Unbequem deshalb, weil er die Erzählung von der Wohltätigkeit der Entwicklungshilfe als reine Medienkampagne entlarvt, die 1949 mit der Amtsantrittsrede des amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman begann und bis heute seine hartnäckige Fortschreibung in den Köpfen der Industrienationen erfährt. Um diese Erzählung nicht als Lüge zu entlarven, werden Statistiken geschönt und manipuliert, denn es soll weiterhin gelten: Armut ist vor allem ein technisches Problem der unterentwickelten Länder und Wirtschaftswachstum bleibt als Lösung die ultima ratio.

Hickel hält dagegen: das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen dem - so seine begriffliche Einteilung - reichen 'Globalen Norden' und dem verarmten 'Globalen Süden' beruht seit jeher auf der kolonialen Ausbeutung und Plünderung. Diese vollzieht sich seit Jahrhunderten und nimmt lediglich immer wieder neue, modernere Formen an. Was an wohlmeinender 'Entwicklungshilfe' in die ausgebeuteten Regionen der Erde fließt, ist nur ein lächerlicher Bruchteil dessen, was auch heute noch von den Industrienationen an Werten aller Art, Rohstoffen und Kapital abgesogen wird. Die sogenannte Entwicklungshilfe und angebliche Bekämpfung der Armut sind nicht mehr als Imagekampagnen, die lediglich verdecken sollen, dass die für die Ausbeutung verantwortlichen Nationen auf politischer und wirtschaftlicher Ebene alles - wirklich alles - dafür tun, dass sich an diesem Ungleichgewicht nichts ändert, denn der Reichtum des Nordens gründet sich darauf.

Nimmt man Hickels Analyse ernst, dann wird der abwertende Begriff des 'Wirtschaftsflüchtlings' als zynische Ideologie entlarvt. Und der Autor macht deutlich: Soll sich dieses Ungleichgewicht ändern, muss eine komplett andere globale Wirtschaftsordnung her, die endgültig Schluss macht mit dem neoliberalen Ammenmärchen von der selbstregulierenden Kraft des Marktes.

Hickels Buch ist eine leidenschaftliche, zuweilen auch wütende Anklage, die den Leser nicht gleichgültig lassen kann.



 




Lesetipp von Beate Steglich:

Jeder Mensch hat sein Päckchen zu tragen. Manche, für die Anderen kaum sichtbar, andere, haushoch auf den Schultern, für Jedermann sichtbar. In der fiktiven Kleinstadt Holt ist dies genauso, aber geteiltes Leid ist halbes Leid. Victoria ist 17, als sie schwanger wird und von der Mutter auf die Straße gesetzt wird. Ihre Lehrerin überredet die Brüder McPheron, zwei alte Viehzüchter, die nach dem Tod der Eltern seit Jahrzehnten allein auf ihrer Farm leben, dem Mädchen Obdach zu geben. Zwei Brüder, die erst neun und  zehn Jahre alt sind, verlieren ihre Mutter an die Depression, der Vater ist der Situation nicht gewachsen. Die Lehrerin Maggie lebt mit dem dementen Vater zusammen, der jegliches Privatleben vereitelt.

All diese Menschen verbindet Haruf in seinem sehr gefühlvollen Roman. Er ist melancholisch und optimistisch zugleich, ein Buch für die Seele.

 




Lesetipp von Beate Steglich:

Olga, die nach dem frühen Tod der Eltern ungeliebt bei der Großmutter aufwächst und ihr ganzes Leben ihre Lebensliebe Herbert vermisst. Sowohl ihre Liebe als auch ihren Sohn, der sie sein ganzes Leben lang für die fürsorgliche Freundin seiner Mutter hält, verliert sie an Deutschland. Den Geliebten an das Kaiserreich und die Idee Deutschland zu einer Kolonialmacht zu machen, ohne Rücksicht auf Menschenleben. Den Sohn an die Idiologie der Nazis. Aber das Schicksal kann noch so grausam sein, Olga bleibt aufrecht und findet einen Weg, das Leben zu meistern.

Schlink stellt uns mit seiner einfühlsamen Sprache eine Frau vor, wie es wohl etliche gegeben hat. Stark, aufrecht aber auch gefangen in den gesellschaftlichen Konventionen. Eine kleine feine Geschichte.

 



 

Lesetipp von Beate Steglich:

 

Alles könnte so einfach sein. Nora, die nach der Scheidung der Eltern beim Vater in Deutschland lebt, macht ihr Abitur. Wenn da nur nicht die Abiturfeier wäre. Zu diese Feier sollen natürlich auch die Mutter und der älterer Bruder aus der Schweiz kommen, alles ganz einfach. Aber so einfach ist es nicht, denn es gibt eine neue Partnerin des Vaters, deren Sohn die gleiche Stufe wie Nora besucht. Wer sitzt mit wem am Tisch, wer redet gerade nicht mit wem? Nil ist eine wunderbare Realsatire über uns Menschen und unser Talent sich das Leben gegenseitig schwer zu machen gelungen. Die Protagonisten sind wunderbar lebensecht.

Ich glaube, jeder Leser kennt Menschen, die man gegen die Romanfiguren austauschen kann. Ein ganz großer Lesespaß.

 




Büchertipps 2017

Unsere Mitarbeiter empfehlen...

 





Lesetipp von Stephan Trutzl

Karl Bruckmaier ist ein renommierter Musikjournalist, der seit den 1980er Jahren über Popmusik schreibt. Wer in seiner 'Story of Pop'  ein Lexikon der Popmusik erwartet, der wird enttäuscht. Nicht enttäuscht wird der Leser, der sich auf seinen Erzählstil einläßt. Denn Bruckmaier erzählt seine Geschichte des Pop mit dem Herzblut eines intellektuellen Nerds, der sich vehement gegen die Banalisierung dieser Kunstform wendet. Seine Geschichte beginnt 822 in Cordoba, als der erste Popstar und Sänger Ziryab neue Kläne aus Persien und Indien mitbringt. Die Trommel der afrikanischen Sklaven ist für ihn dann die Keimzelle des modernen Pop, der sich über den Blues und Jazz bis hin zu der unübersehbaren Fülle heutiger Stile entwickelt. Dabei schreitet der Autor nicht nur die Höhe- und Wendepunkte der modernen Musikgeschichte ab, er erzählt auch ausschweifend und fesselnd von deren sozialen, politischen und ökonomischen Hintergründen. Daneben streut er in 'Copy & Paste'-Kapiteln immer wieder prägnante Zitate bekannter und (mir) unbekannterer Zeitzeugen ein.

Sprachlich setzt Bruckmaier dem nüchternen Lexikonstil immer wieder markige Sätze entgegen: 'In einem der Nachrufe auf ihn [Lou Reed] dürfen wir lesen, dass bis zur Gründung von Velvet Underground Rockmusik Teil der Unterhaltungsindustrie sein wollte, danach Teil der Entfremdungsindustrie. Klingt erst einmal so gut, dass der Wahrheitsgehalt nur Nebensache sein darf. Let me entertain you am Arsch, Robbie!' Beat it!

 




Lesetipp von Romy Eichhorst:

Underground Railroad ist ein so erschütternd wie faszinierender Roman über das, was die weißen, amerikanischen Rassisten den Schwarzen angetan haben. Colson Whitehead hat hier aber kein weiteres dokumentarisch verfasstes Bild  der Zeit der Unterdrückung und Versklavung geliefert. Vielmehr hat er seinen Figuren Namen, Gesichter und Gefühle gegeben. Dadurch erlebt der Leser die Grausamkeiten, die den Protagonisten und stellvertretend den vielen Anderen widerfahren sind, unmittelbar und schmerzhaft.

Dadurch gelingt es ihm auch, dass der Leser nicht hinter kühler Statistik von lange Vergangenem Schutz suchen kann. Ich wollte wissen, ob und wie es Cora und ihr Mitstreiter Caesar geschafft haben aus der grausamen Versklavung zu entkommen. Was hatte es auf sich mit der Underground Rairoad? Und wie weit ist Mable, Coras Mutter gekommen, die die Flucht zuvor ohne ihre Tochter angetreten ist?

Ich habe atemlos die Flucht Cora und Caesar verfolgt.  Der einzige Trost, der mir  bei der Lektüre zu Teil wurde war, zum Einen mit zu erleben, wie die Verzweiflung zumindest Einzelne hat mutig werden lassen. Das hat wenigstens für einige, wenige gelungene Fluchtversuche gesorgt.  Zum Anderen ist es beruhigend zu lesen, dass es trotz schlimmster drohender Repressalien und Folgen, auch Weiße gab, die den Schwarzen geholfen haben. Diese Mutigen machten einzelne Fluchten mit der Underground Railroad möglich.

Irgend etwas kann scheinbar jeder immer tun um Leid zu mindern.

 




Lesetipp von Stephan Trutzl

Die Staatsanwältin mit dem Ur-Hamburger Namen Chastity Riley kennt sich aus im Kiez und hat ein Herz für die Kleinen. Wie auch die Autorin: der Roman ist der Harry Potter-Figur Neville Longbottom gewidmet. Deshalb ist Rileys Mitleid auch überschaubar, als zwei hohe Manager-Tiere eines großen Zeitungsverlagshauses misshandelt und danach in einem Käfig öffentlich zu Schau gestellt werden. Und schließlich verschwindet auch noch der Chef beider Opfer. Zusammen mit einem Kollegen vom LKA führt sie Suche nach dem Täter  bis nach Franken, wo die Wurzeln der drei Opfer liegen und dunkle Geheimnisse lauern.

'Beton Rouge' ist der mittlerweile siebte Band der Riley-Reihe, die 2008 mit 'Revolverherz' begann. Es ist nicht nur die Handlung, die für das Lesevergnügen sorgt, sondern vor allem auch der Sprachstil, der von schnoddrigem, sarkastischem Humor bis hin zu betörender Großstadtpoesie reicht. Ein gerüttelt Mass Kiezromantik kommt sicherlich hinzu, dazu eine Sichtweise der Heldin, die betont subjektiv bleibt. Im Hamburg der Autorin jedenfalls ist der Bau der Elbphilharmonie endgültig gescheitert und nach dem Rückbau einem Skatepark gewichen. Wer dazu Namen zu deuten imstande ist, weiß natürlich auch, warum die Figuren auf der 'richtigen' Seite Stanislawski, Lienen oder Ippig heißen, die auf der bösen Seite aber Beiersdorfer.

 




Lesetipp von Romy Eichhorst:

Pekka muss wegen starker Schmerzen zum Zahnarzt. Der Dentist, den er aufsucht, ist wortkarg und mürrisch. Dennoch löchert Pekka ihn mit Fragen zu seinem Familienleben. Denn der Zahnarzt sieht ihm so ähnlich, dass er ihn für seinen Bruder  hält. Doch Esko, der Zahnarzt, widmet sich lieber den Löchern in Pekkas Zähnen. Er  ist es eher gewohnt, seinen Patienten den Mund  aufzusperren, als selbst die Zähne auseinander zu kriegen. Er verweigert so jede Aussage zu seinem Familienstammbaum. Pekka lässt jedoch nicht locker. Er will wissen, was sein Vater noch so getrieben hat, bevor und nachdem er seine Mutter kennengelernt, geschwängert und verlassen hat.

Es sei nur so viel verraten, Pekka reist für seine Recherchen um die halbe Welt. Bei der Suche nach seinen Wurzeln bleibt kein Auge trocken und Pekka bleibt kein Einzelkind.

Der hierzulande noch unbekannte finnische Autor Miika Nousiainen, erzählt eine herzerfrischende Tragikomödie. Dabei philosophiert und psychologisiert er, dass es eine Freude für den Leser ist. Bei aller Nachdenklichkeit ist der Roman von einem wunderbar ironisch, heiterem Humor durchzogen.
 




Lesetipp von Stephan Trutzl

Facebook, Twitter, Instagram und Co. erscheinen als gehegte und gepflegte digitale Gärten. Und doch gibt es immer wieder Meldungen über Widerwärtigkeiten, die über soziale Netzwerke verbreitet werden und deren Löschung auch von höchsten staatlichen Stellen angemahnt wird. Verschwinden diese Inhalte, so macht sich kaum jemand Gedanken darüber, wie das eigentlich geschieht. 

Moritz Riesewieck ist dieser Frage nachgegangen und eine Antwort führte ihn das philippinische Manila. Dort arbeiten fast rund um die Uhr Heerscharen zumeist junger, streng christlich geprägter Content Moderators bei der Sichtung der unüberschaubaren Menge an Fotos, Texten und Videos die tagtäglich ins Netz gestellt werden. Es ist dies die weltweit größte 'digitale Müllabfuhr' des World Wide Web. Auskunftsfreudig sind diese Menschen nicht, stehen sie doch unter erheblichem Druck seitens ihrer Arbeitgeber, nicht nur, was ihre Arbeitsleistung, sondern auch was ihre Verschwiegenheit gegenüber Dritten angeht. Gleichzeitig müssen sie psychisch und seelisch all das verarbeiten, was sie dort zu sehen und zu hören bekommen. Nur sehr wenige sind bereit, sich dem ausländischen Journalisten zu öffnen.

Doch Riesewiecks Reportage hört nicht bei diesen Menschen, ihren inneren Konflikten und Traumata auf, sondern stellt weitergehende Fragen über u.a. Zensur und angebliche Weltoffenheit, Demokratie, staatliche Kontrolle und Beeinflussung durch soziale Medien. Und er stellt drängende philosophische Fragen über die Rolle des Einzelnen in unserer modernen westlichen Gesellschaft. Riesewick beleuchtet die Rückseite der wundersamen digital-sozialen Welt und macht sensibel für Abgründe und ungeklärten Fragen, die in kein simples Schema von gut oder böse passen.

 




Lesetipp von Beate Steglich:

Ich mag Entwicklungsromane, ich habe gerne dicke Bücher mit Spannung, Aussage und Denkanstößen. Und bin mit diesem Buch von Klaus Cäsar Zehrer voll auf meine Kosten gekommen. Es ist eine brillant geschriebene Familiengeschichte.

Das Ehepaar Sidis lernt sich Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts in Boston kennen, beide sind russische Auswanderer die fest entschlossen sind, es in den USA zu schaffen. Er gibt ihr Nachhilfeunterricht in englischer Sprache. Die beiden schaffen es, Medizin zu studieren, Boris zusätzlich Psychologie. Beide eint der Glaube, dass Wissen Macht ist und Bildung der Schlüssel zu einem guten Leben für alle Menschen. Denn Krieg, die größte Geisel der Menschheit, entsteht nur bei vorherrschenden Dummheit.

Als Sarah und Boris Eltern werden, nehmen sie sich vor, ihr Kind nach der speziellen Sidismethode zu unterrichten, denn mit dieser Methode kann man Genies erziehen.
William James Sidis wird nach der vom Vater entwickelten Methode erzogen und kann bereits mit zwei Jahren lesen und schreiben. Er wird ein mathematisches Genie.
Aber da ihm jede emotionale Intelligenz fehlt, führt er ein einsames Leben, soziale Kontakte kann er nicht knüpfen. Der einzige Mensch, der sein Leben begleitet, ist seine kleine Schwester Helena. Denn als sie geboren wird, leiten die Eltern ein Sanatorium und haben keine Zeit, die Tochter nach der sehr zeitaufwendigen Sidismethode zu erziehen.

Zehrer schreibt fesselnd. Ich habe, angeregt durch dieses Buch, viele Fakten genauer nachgelesen. Ein Buch, das einem so viele Denkanstöße gibt. Dieses Ich ist herausragend.

 




Lesetipp von Beate Steglich:

Hurra ein neuer Laurain! Ich habe mich gefreut als ich das Leseexemplar sah und wurde nicht enttäuscht. Laurain kann es einfach!

Der Pariser Arzt Alain war in den 80er Jahren Mitglied einer Band. Leider erhielten sie auf das eingereichte Demoband nie eine Antwort der Plattenfirma und so trennte sich die Gruppe vor etwa dreißig Jahren und die Mitglieder zerstreuten sich. Alains geordnetes Leben erlebt eine Erschütterung als er dreißig Jahre zu spät die Antwort der Plattenfirma. verbunden mit einer Einladung ins Studio, erhält. Bei der Post bedauert man, dass der Brief erst jetzt bei Renovierungsarbeiten gefunden wurde. Alain sucht die alten Bänder und muss feststellen, dass er sie weggeworfen hat. Wie kann man nur seine Jugend wegwerfen? Er macht sich auf die Suche nach den übrigen Bandmitgliedern, vielleicht gibt es ja noch Aufnahmen. Während Alain seine Band zusammensucht, stellt er sich immer wieder die Frage: „Was wäre passiert, wenn der Brief pünktlich angekommen wäre?“

Ein wunderbares Buch mit Fragen; die sich wohl jeder Mensch schon einmal Gestellt hat. Was wäre wenn? Laurain hat so etwas Positives, Ermutigendes, Liebevolles. Es macht großen Spaß, diese Buch zu lesen! Seelenfutter!
 




Lesetipp von Beate Steglich:

Thomas Dupré jobbt in einem Musikgeschäft in Paris, die Spezialität des Ladens sind alte, wertvolle Gitarren. Thomas, selbst Musiker, restauriert diese Schätze und verdient sich so sein Journalismusstudium. Ein sehr wohlhabender britischer Kunde gibt ihm den Auftrag, die seltenste Gitarre der Welt, die „Gibson Moderne“ für ihn zu finden. Wir begleiten Thomas auf seiner Suche, die ihn in die USA führt.

Das Buch ist eine Musikgeschichte und eine Detektiv Geschichte. Hervier lässt die 50er und 60er Jahre mit ihren Gitarrenheros vor uns auferstehen. Ich war von der Geschichte sofort gefangen. Sie ist spannend, fesselnd und voll Musik. Ein wirklich tolles Buch.
 




Lesetipp von Stephan Trutzl

Der unbekannte französische Musikjournalist und Musiker Thomas Dupré hilft seit ein paar Wochen im bekanntesten Pariser Gitarrenladen aus, als ihn sein Chef Alain nach Schottland schickt, um eine wertvolle Gitarre an den exzentrischen Sammler Lord Charles Winsley auszuliefern. Dieser offenbart ihm schließlich ein unglaubliche Geschichte: Winsley behauptet, ihm sei die seltenste E-Gitarre aller Zeiten, die Gibson Moderne Baujahr 1957, gestohlen worden. Er bietet Thomas eine Million Dollar, wenn dieser entweder die gestohlene Gitarre wiederfindet oder auch nur die bloße Existenz dieses sagenumwobenen Modells für dessen Versicherung beweist.

Thomas begibt sich auf eine abenteuerliche und auch für ihn selbst nicht ungefährliche Suche, die ihn schließlich in die USA führt, wo er auf die Spuren eines nicht minder mysteriösen Bluesmusikers stößt, der diese Gitarre gespielt haben soll. Er trifft auf Musikfanatiker, zwielichtige Gestalten, Kriminelle und Zeitzeugen, die ihn immer tiefer in die Geheimnisse, Legenden und Mythen jener Gitarre und der damit verbundenen goldenen Epoche des Blues und Rock eintauchen lassen.

Herviers Roman ist das Buch eines begeisterten Muiskliebhabers, der in lockerem Stil einen spannenden und gleichzeitig kenntnisreichen Musikkrimi erzählt, selbst wenn er zuweilen ein wenig zu sehr verliebt ist in seine Kennerschaft.
Eine Fundgrube für Musikfreunde und solche, die es werden wollen.

 





 

Lesetipp von Romy Eichhorst:

Wenn Sie für die Sommertage etwas leichtes suchen, oder einfach gerne mal wieder herzhaft lachen möchten, dann lassen Sie sich auf Heinz Strunk ein. Der Komiker und Autor ist schon lange mehr als ein Geheimtipp. Mit 'Fleisch ist mein Gemüse' landete er seinen bisher größten Erfolg.

Hier lernen wir Jürgen kennen. Jürgen arbeitet als Pförtner im Parkhaus und lebt mit seiner bettlägerigen Mutter zusammen. Die beiden begrüßen sich jeden morgen per Handschlag. Schon wenn er glaubhaft versichert, dass ein herzlicher Handschlag mehr taugt als eine lieblose Umarmung, will man mehr von ihm wissen. Die Art, wie er die Dinge sieht hat, ihren ganz eigenen Charme. Jürgen ist Single und sucht die große Liebe. Oder zumindest eine tolle Frau. Dieses Ansinnen verbindet ihn mit Bernd, seinem besten Kumpel. Also machen sich die beiden zusammen auf Brautschau. Dass Bernd ein wuchtiger Riese ist, der im Rollstuhl sitzt, macht die Sache nicht einfacher.

Der oft lachende Leser begleitet die beiden zum Speeddating, zur Sichtung heißer Bräute nach Polen und beim Rückschau halten in die Pommesbude. Mit trockenem, oft aber auch frotzeligem Humor begleitet Heinz Strunk seine beiden Antihelden auf dieser schwierigen Reise und zu jedem Treffen. Ich hatte aber nie das Gefühl der völligen Bloßstellung der beiden. Vielmehr sieht es auch der Autor so, dass es ein Mann mittleren Aussehens und mittleren Alters nicht leicht hat, den passenden Deckel zu finden.

Ich würde gerne irgendwann wissen wie es mit Jürgen und Bernd weitergegangen ist.

 




Lesetipp von Stephan Trutzl

Der Vorfall ist Legende: Es ist Anfang Dezember 1976 in Kingston, Jamaika, einer der karibischen Hauptstädte des organisierten Verbrechens. „Der Sänger“, weltberühmte Galionsfigur der Rastafarians, will in ein paar Tagen auf dem von der sozialdemokratischen Peoples National Party organisierten Friedenskonzert auftreten. Zwei Tage vor dem Konzert stürmen Unbekannte sein Haus und verletzen seine Frau und seinen Manager schwer. Er selbst kommt mit leichten Verletzungen davon und tritt zwei Tage später dennoch auf.

Marlon James, selbst gebürtiger Jamaikaner, erzählt seine fiktinonale Variante dieser nie vollständig aufgeklärten Gewalttat, das heißt er läßt sie erzählen von denen, die dabei waren. Es kommen viele zu Wort: die Gangsterbosse, Dons genannt, der einzelnen Stadtviertel; die Rudeboys - bewaffnete Gangster -, die Frauen im Umfeld des „Sängers“, die amerikanischen Geheimdienstler, Filmemacher und Musikjournalisten, die sich zu dieser Zeit in dieser gewalttätigen Metropole herumtreiben. Selbst die Toten haben ihre Stimme.
Das ist Papa-Lo, der New Copenhagen kontrolliert und dem „Sänger“ nahe steht, sowie seine Handlanger Josey Wales, Weeper und Bam Bam. Und da ist auch Nina Burgess, eine ehemalige, jetzt arbeitslose Empfangsdame und one-night-stand des „Sängers“, die jetzt eines seiner zahlreichen unehelichen Kinder in sich trägt und vor dessen streng bewachtem Haus unablässig um Einlass bittet. Sie glaubt fest daran, der Song „Midnight Ravers“ handele von ihr. Für die Außenperspektive sorgen der CIA-Agent Barry Diflorio und der Alex Pierce, Redakteur des Rolling Stone, der ebenso wie Nina Burgess das Haus des „Sängers“ betreten möchte.

Während das weltpolitische Klima vom Kalten Krieg bestimmt wird, ist der lokale Sound im Hintergrund der sich damals in seiner Blütezeit befindliche Reggae, die damals wohl einflußreichste Musikrichtung des Pop mit Bob Marley als seinem wirkmächtigsten Vertreter. Doch ist die Musik nicht nur Klangkulisse, sie ist natürlich auch immer ein politisches Bekenntnis: der neuere Reggae als Soundtrack der Rastafarians gegen die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung auf der einen, der ältere Rocksteady als die Musik der Gangster und Rudeboys auf der anderen Seite. Marleys „Get up and stand up“ vs. Derrick Morgans „Tougher than tough“. Der „Sänger“ ist jedoch nicht unumstritten: als britisch-jamaikanischer Mischling gilt er vielen als „Weißer“. Für die einen Ikone, ist er anderen ein Dorn im Auge, aufgrund seiner Herkunft gar nicht berechtigt, sich für ihre Belange einzusetzen.

Vor dieser Kulisse entfaltet James ein monumentales, vielschichtiges Epos und dirigiert ein vielstimmiges Sprachorchester: roh und gewalttätig, sentimental und hoffnungsnaiv, intellektualistisch und desillusioniert.
Er spannt den Bogen von 1976 bis in die USA der 1980er bis 1990er Jahre, wohin es die Protagonisten der jamaikanischen Drogenmafia verschlägt.
„Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ ist alles andere als kurz, in seiner Mosaikstruktur nicht immer leicht zu lesen, aber faszinierend detailreich, erhellend ohne belehrend zu sein und zugleich sehr ausdrucksstark. Ein in vielerlei Hinsicht großes Buch.

 




Lesetipp von Beate Steglich:

Warum gelingt es Menschen oft nicht sich aus familiären Verhaltensmustern zu lösen, warum bleibt man in einer Gesellschaftsschicht stecken?

J. D. Vance ist Anfang Dreißig, Jurist und hat es geschafft sich zu befreien. Er wächst in einer Kleinstadt in Ohio auf. Seine Mutter ist zwar Krankenschwester, schafft es aber nicht ihre beiden Kinder und sich selbst angemessen zu versorgen. Drogen und Alkohlprobleme bestimmen ihr ganzes Leben. Dazu kommen ständig wechselnde Männer in ihrem Leben. Hierbei lässt sie das Kennenlernen komplett weg und zieht immer sofort mit den Männern zusammen. Vance und seine ältere Schwester haben nur eine Konstante in ihrem unsteten Leben, ihre Großeltern. Deren Ehe wurde durch den Alkoholmissbrauch des Großvaters in jungen Jahren geprägt. Sie aber kümmern sich als einzige Erwachsene um die Geschwister und bieten so etwas wie Halt und Zuspruch. Vance beschreibt die emotionalen Abgründe, die Zwänge und Strukturen, die in der amerikanischen ländlichen Arbeiterschicht bestehen. Menschen, die sich durch den Niedergang der Industrie um ihre Perspektive beraubt sehen, ohne zu erkennen, dass ihr fehlender persönlicher Einsatz erheblich zu ihrer prekären Lebenssituation beiträgt.

Vance lässt uns an seinem Weg aus dieser Lebenssituation teilhaben, zitiert Studien zur Situation der Hillbillys, die er immer mit seinen Erfahrung mit Leben füllt.
Eine gut geschrieben Biografie, die den Leser mitnimmt und immer wieder total verblüfft. So erklärt Vance, dass die Hillbillys den Medien, wie zum Beispiel Zeitungen und Nachrichtensendungen, prinzipiell keinen Glauben schenken. Aber einer unüberprüften Meldung im Internet glauben sie sofort, da sie denken, die da Oben stecken unter einer Decke...

Mich hat diese Buch sehr beeindruckt, sehr lesenswert.
 




Lesetipp von Beate Steglich:

Elisabeth gibt ein Frühlingsfest, Freunde sind eingeladen und die netten Nachbarn aus der Wohnung über Ihnen, ein fast gleichaltrigen Paar. Elisabeth ist mit dem Ehemann befreundet, einen ruhigen angenehmen Menschen. Das Fest geht entspannt zu Ende, doch in der Nacht wird Elisabeth von ihrem Nachbarn geweckt. Er hat seine Frau erwürgt. - Wie konnte das geschehen?

Feinfühlig, behutsam, punktiert beschreibt Yasmina Reza, wie es zu dieser Tat kommen könnte. Ein berührendes Buch.

 




Lesetipp von Angelika Poensgen:

Marcel (73 Jahre) und Marguerite (78 Jahre) sind so unterschiedlich, wie Menschen nur sein können. Beide verlieren ihre langjährigen Ehepartner und in dieser schwierigen Situation treffen sie aufeinander. Er liebt die Nacht mit seinen wundervollen Sternenhimmeln, während sie die Schönheit der Tage vorzieht. Für ihn zählt Freiheit und Selbstbestimmtheit über alles, sie befolgt ausnahmslos alle Regeln, die ihr vorgegeben werden. Man kann sich eigentlich nur schwer vorstellen, dass diese beiden Menschen zueinander finden, vor allem da Marguerites Sohn einer Freundschaft oder gar Liebe überaus ablehnend gegenüber steht.
 
Karine Lambert ist eine sanfte und einfühlsame Geschichte gelungen, über die Liebe und den Glauben an eine zweite Chance. Es ist eine bezaubernde Erzählung, in der Emotionen wie Traurigkeit und Heiterkeit ganz nah beieinander liegen. Die Autorin zeigt, wie schön das Leben sein kann - auch im hohen Alter.
 
Dieses Buch ist genau die richtige Wahl, um sich einen regnerischen Sonntag zu versüßen.
 




Lesetipp von Beate Steglich:

Hinter dem etwas sperrigen Buchtitel verbirgt sich ein wunderbarer Schmöker.

Cecilia entdeckt zufällig, dass ihr Mann sie betrügt. Am Boden zerstört, zieht sie sich in ihr Schneckenhaus zurück. Ihr Leben nimmt erst dann wieder Fahrt auf, als sie sich überlegt, das geerbte Haus ihrer verstorbenen Großeltern umzubauen und eine Pension für Studentinnen daraus zu machen. Eine Entscheidung, die ihr Leben total auf den Kopf stellt.

Als Leserin ist man immer an Cecilias Seite und 'kämpft' mir ihr. Dieses Buch steckt voller Emotionen unerwarteten Wendungen Witz und einer guten Portion Spannung. Es hat mir großen Spass gemacht dieses Buch zu lesen.
 




Lesetipp von Romy Eichhorst:


Sabine Bode ist bekannt geworden durch ihre viel beachteten Sachbücher über die Generation derer, die unter den Nachwirkungen des zweiten Weltkrieges gelitten haben. 'Die vergessene Generation' und viele andere. Mit 'Mädchen im Strom' legt sie nun ihren ersten Roman vor.

Gudrun Samuel verbringt ihre zunächst unbeschwerte Kindheit in Mainz. Die Eltern sind wohlhabende Besitzer mehrerer Schuhgeschäfte. Gudrun, zunächst ein pummeliges, naschhaftes Kind, wächst wohlbehütet zur jungen Frau heran. Der Rhein ist einer der Tummelplätze  ihrer frühen Jugend. Oft erklimmt  die athletische junge Frau, die vorbeifahrenden Lastkähne. Der aufkeimende Nationalsozialismus bereitet der Unbeschwertheit ein allmähliches Ende.

Sabine Bode erzählt nahe an Gudruns Schicksal und dem ihrer Freundin Margot, wie grausam die rechten Machthaber das Leben Unbescholtener auseinandergerissen und zerstört haben. Die beiden Mädchen bleiben einander lebenslang durch Brieffreundschaft verbunden. Die grausame Politik und die unterschiedlichen Fluchtziele der beiden lassen es aber nicht zu, dass sie sich noch oft sehen. Es ist faszinierend zu lesen, wie diese beiden Lebenskünstlerinnen, stellvertretend für eine ganze Generation, sich den brutalen Wechselfällen ihres Schicksals stellen. Sie holen aus ihren Leben raus, was eben geht.

 



 

Lesetipp von Romy Eichhorst:


Jo und David sind englische Eheleute auf dem Weg zur feudalen Party des dekadent sympathischen Paares Richard und Dally, mitten in der marokkanischen Wüste. Es ist Nacht, der angetrunkene David fährt und die beiden streiten. Plötzlich läuft ihnen ein Mann vor's Auto. David, reaktionsarm, kann die Situation nicht retten, der Mann stirbt.

Was sich aus dieser unglückseligen Begebenheit entwickelt, erzählt Lawrence Osborne spannend, faszinierend und moralisch differenziert. Osborne muss ein Mann der Wüste sein, so gut kennt er die Gemengelage vor Ort.

Während die dreitägige Partyorgie weiterlaufen muss, wird David zum Vater des Getöteten gekarrt. Bei der Beantwortung der Frage, ob David Vergebung erwarten kann, macht es sich der stilsichere Autor nicht leicht. Dieser Roman um Schuld und Sühne hat mich gefesselt wie nur wenige bisher.

 



 

Lesetipp von Beate Steglich:

Lou entsetzt ihren Mann mit ihrem Testament. Er bekommt von ihr die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass ihre beiden erwachsenen Kinder glücklich werden. Für Jo, der früher als Kardiologe tätig und immer ein ferner Vater war, eine sehr schwere Aufgabe. Bis jetzt war ihm total entgangen das seine Kinder nicht glücklich sind.

Mit großer Wärme und sehr viel Einfühlungsvermögen schildert Fouchet die Annäherung der Familie. Spannend, witzig und sehr schlüssig formt sie ihre Helden.

Eines der rheinischen Grundgesetzte besagt, dass man den Menschen immer nur vor den Kopf schaut, diese Tatsache kommt auch in diesem Buch zum Tragen. Lange festgesetzte Fehleinschätzungen werden enttarnt.

Ein wunderbarer Roman.

 




Lesetipp von Beate Steglich:

Was geschieht mit einem, wenn ein geliebter Mensch in den Wahnsinn abgleitet? Wenn aus kleinen schrulligen Eigenheiten mehr wird? Wenn das ganze Leben vn der Tagesform abhängt und das Konstrukt aus Notlügen einzustürzen droht? Was wird dann auch einer Familie?

Mit großer Wärme und viel Melancholie, mal aus der Sicht des Vaters, mal aus der Sicht des Kindes und auch aus der Sicht der erkrankten Mutter nimmt Bourdeaut uns mit auf die Suche nach einer Lösung.

Ein wirklich einfühlsames Buch.

 




Lesetipp von Stephan Trutzl


Mach et nich, Moses! Er macht es doch. Und nicht nur er.  

Moses will an diesem heißen Tag eigentlich nur nach Hause und freut sich auf den Sex mit seiner Freundin Sandi, doch eine Autopanne hält ihn auf. Und ehe er genauer über die möglichen  Folgen nachdenkt, betritt er das eigentlich abgeschottete Areal einer Gated Community, weil er meint, dort wohne ein alter Kommilitone (wie hieß er noch gleich?), der ihm helfen könne. Das ist ein Problem, wenn man selbst ein Schwarzer ist und sich diese weiße Community in einer südafrikanischen Stadt befindet. Zudem treiben sich hinter der Mauer noch andere Personen mit kriminellen - ein Diebespärchen - bis finsteren Absichten - echte Mörder - herum. Und alles wird überwacht.

Und weil dies Südafrika ist, nehmen die Dinge in den folgenden knapp zweieinhalb Stunden einen im Grunde unvermeidlichen, nichtsdestotrotz aberwitzgen und grotesk-gewalttätigen Verlauf . Moses sitzt in der Falle wie eine Ratte im Käfig.

Bermerkenswert ist die Erzählperspektive: es gibt keinen allwissenden, erklärenden Erzähler, sondern nur die beschränkte Sicht einiger Akteure. Deshalb wimmelt es von Mutmaßungen, Gerüchten, Unterstellungen und Halbwahrheiten. Wie in einem Brennglas wird der Irrwitz dieser Gesellschaft und damit die Misere des ganzen Landes beleuchtet.

Max Annas erzählt in seinem mit dem Deutschen Krimipreis 2017 ausgezeichnteten Thriller in knochentrockenem Stil eine Geschichte, die fast lustig sein könnte, wären die Dinge nicht so furchtbar, wie sie es halt sind.

 




Lesetipp von Angelika Poensgen:

Dieser Roman ist wie eine emotionale Achterbahnfahrt und schlägt einen sofort in seinen Bann.

Die Autorin erzählt die lebenslange Freundschaft zwischen vier Männern - Jude, Willem, Malcom und JB - die sich am College kennengelernt haben.

Im Mittelpunkt steht Jude, ein überaus brillianter und charismatischer Mensch, der jedoch ein dunkles Geheimnis in sich trägt, dessen Schrecknis dem Leser erst im Laufe des Romans offenbart wird und einen nach und nach zu verschlingen droht. Yanagihara ist eine fantastische Erzählerin, die einen dazubringt nächtelang zu lesen, weil man es nicht erträgt nicht zu wissen, wie Judes Leben weitergeht und der uralte Kampf zwischen Gut und Böse endet.

Man leidet, freut sich, trauert, hasst und fühlt mit ihm als wäre er ein Familienmitglied.

Ganz großes Kino, das einen atemlos zurückläßt.

 




Lesetipp von Beate Steglich:

Barnes ist ein beeindruckendes Buch gelungen. In dieser Romanbiografie geht es um den großen Komponisten D. Schostakowitsch.

Er führt uns die schrecklichen Bedingungen vor Augen, in denen Kunst in Zeiten von Diktatur und Schreckensherrschaft versuchen muss, ihren Weg zu finden; immer mit einem Bein im Gefängnis, weil das eigene Werk den Machthabern nicht zusagt. Aber dabei ist alles möglich: wofür es heute eine Auszeichnung gibt, wird übermorgen ein Berufsverbot ausgesprochen.

Anhand von Schostakowitschs Leben beleuchtet Barnes diese Unwägbarkeiten.

Ein wirklich brillantes Buch.

 




Lesetipp von Romy Eichhorst:

 

Was für eine kuriose Geschichte sich Martin Suter da wieder ausgedacht hat.
Im Mittelpunkt steht ein winziger, durch Genmanipulation rosa leuchtender Elefant. Schoch, ein Obdachloser, der ihn gefunden hat und Valerie, eine Tierärztin kümmern sich um den seltsamen Findling.
Es geht aber nicht nur putzig und beschaulich zu im neuen Roman des Schweizer Erfolgsschriftstellers.
Der Biologe, der die Genmanipulation vorgenommen hat, hat sich Großes und Gewinnbringendes vorgestellt. Da chinesische Investoren ihm ein gutes Angebot für sein Patent gemacht haben, sucht er natürlich nach seinem verschwundenen Geschöpf.

Martin Suter hat das brisante Thema um das gentechnisch Machbare in eine anrührend spannende Geschichte um den rosa Elefanten verpackt. Und das Rezept des erfolgreichen Schweizer Autors geht wieder bestens auf!!

 




Lesetipp von Beate Steglich:

Elena Ferrante nimmt den Faden da auf, wo sie ihn im ersten Buch abgelegt hat.

Wir begleiten die beiden Freundinnen und sind immer an Elenas Seite, auch in Zeiten der Krise mit Lila. Wie in jedem Leben gibt es nicht nur Höhen, sondern auch Tiefen und Durststrecken. Aber gerade das macht dieses Werk so glaubwürdig . Trotz blendender Ergebnisse an der Universität fühlt sich Elena immer unterlegen, der Stallgeruch, der ihr anhaftet, bestehend auch Not, Ohnmacht, Gewalt und der Bildungslosigkeit ihrer Kindheit prägt ihr ganzes Verhalten.

Ich bin sehr neugierig wie es mit den Freundinnen weitergeht.

 




Lesetipp von Romy Eichhorst:

Was in der Kleinstadt Empire Falls, an der Ostküste der USA so passiert, bewegt die Welt nicht. Aber den Leser bewegt es sehr, sind es doch die alltäglichen Dramen unseres Lebens. um die es geht. Miles Roby ist der Pächter des wichtigsten Lokals der Stadt, in dem sich alle Welt trifft, speist und beratschlagt. Miles liebt noch ein wenig seine Beinahe-Ex-Frau Janine, noch sehr seine Jugendliebe Charlene und besonders seine Tochter Tick. Er wiederum ist von Kindheit an der Augenstern von Cindy, der Tochter, der reichsten und mächtigsten Familie der Stadt. Diese Familie ist auch der Eigentümer von Miles Diner-Restaurant und außerdem wichtigster Arbeitgeber von Empire Falls. Im Örtchen scheint jeder irgendwie durch sein Schicksal mit allen anderen verbandelt zu sein. Richard Russo schafft es dennoch, uns die Vielzahl der Akteure mit Tiefenschärfe vorzuführen und ins Gedächtnis einzubrennen.

Das Buch ist dick, aber nie langweilig! Richard Russo ist ein faszinierender Erzähler, der für dieses Buch 2002 den Pulitzer Preis bekommen hat, das jetzt erst ins Deutsche übersetzt wurde.

 



 

Lesetipp von Romy Eichhorst:

Ich habe es sehr genau gelesen, dieses schmale Buch von Elisabeth Strout. Viele Passagen sogar zweimal. Weil der Text so leicht daherkam, dass ich Gefahr lief so manches zu überlesen. Und es steckt sehr viel an Feinheiten zwischen den Zeilen. Ich wollte nichts davon verpassen.

Lucy Barton, die Ich Erzählerin, ist Schriftstellerin und versucht ihr Leben literarisch erzählend zu verstehen und zu verarbeiten. Sie muss längere Zeit im Krankenhaus verbringen, wo sie überraschend Besuch von ihrer Mutter bekommt, die sie seit sehr langer Zeit nicht gesehen hat. Die beiden unterhalten sich die ganze Zeit, nur von Untersuchungen, oder weil eine von ihnen Schlaf braucht, unterbrochen. Die Erinnerungen die Lucy so durch die Unterhaltung mit der Mutter kommen, werden sehr kunstvoll in Rückblenden eingestreut.  Die Jahre der Kindheit, die Lucy so noch einmal durchlebt, waren bitter, karg und für sie von besonderer Härte. Und was genau passiert ist, steckt fein dosiert zwischen den Zeilen. Lucy will keine Anklägerin sein, sondern ist dankbar dafür, dass ihre Mutter bei ihr ist.

Das große Können von Elisabeth Strout, ihr eleganter, dezenter Stil, machen aus der dünnen Lektüre ein großes Leseereignis!  Die Pulitzer-Preisträgerin zeigt, dass auch großes Leid und schlimme Erinnerungen nicht zur Verbitterung führen müssen.

 



 

Lesetipp von Beate Steglich:

Mir einer kraftvollen Sprache entführt uns Ferrante in den Bauch von Neapel, der Zweite Weltkrieg ist vorbei, die kleinen Leute werden von Alltagssorgen geplagt. In diesem Umfeld wachsen die sehr intelligenten Freundinnen Elena und Lila auf, umgeben von Gewalt, Not, Hass und Liebe. Beide hoffen auf ein glückliches Leben.

Ferrante fängt ihr Buch in der Jetztzeit an. Lilas Sohn sucht seine spurlos verschwundere Mutter und ruft deren Freundin Elena an. Sie kann nicht helfen, nimmt diese Suche aber zum Anlass, die gemeinsame Lebensgeschichte aufzuschreiben. Und diese Geschichte fesselt den Leser und lässt ihn nicht mehr los.

Was für ein tolles Buch! Ich bedauere sehr, dass ich der italienischen Sprache nicht mächtig bin, so muss ich auf die Übersetzung der Fortsetzung warten, zu schade. Ich freue mich sehr darauf.

 



 

Lesetipp von Beate Steglich:

Mein Weihnachtswunsch steht fest! Ich möchte den Hut des Präsidenten, auch nur für eine kurze Zeit, tragen dürfen. Was für eine zauberhafte Geschichte ist Laurain da geglückt, klug, warm, hoffungsvoll.

Francois Mitterrand vergisst seinen Hut in einem Pariser Restaurant. Ab da führt der Hut ein Eigenleben wechselt einige Male den Träger. Doch jeder Person hilft der Hut aus einer Lebenskrise bis er in Rom wieder zu Herrn Mitterrand findet. Ein wirklich schönes Buch.

 



 

Lesetipp von Beate Steglich:

Einige Jahre sind im Leben von Fredrik Welin vergangen, seit er von seiner todkranken Ex-Freundin erfahren hat, dass es eine gemeinsame Tochter gibt.
Nun ist er fast 70 Jahre alt, kennt seine Tochter Louise kaum und der Mensch, zu dem er den meisten Kontakt hat, ist der pensionierte Postbote Jansson.
Plötzlich ändert sich alles, denn sein Haus brennt komplett ab. Er überlebt und gerät in den Verdacht, den Brand selbst gelegt zu haben. Erst als zwei weitere Häuser niedergebrannt werden, fällt der Verdacht von ihm ab. Seine Tochter bittet zum ersten Mal um Hilfe. Und er fühlt sich zu einer Journalistin hingezogen. Alles in seinem so gut geordneten Leben dreht und bewegt sich plötzlich.

Mankell fesselt uns Leser sofort, er kann einfach schreiben. Gefühlvoll, politisch, visionär so ist dieses Buch. Nichts Menschliches wird in diesem Buch ausgespart, wirklich brillant.

 



 



Lesetipp von Stephan Trutzl

Samuel Anderson ist Mitte 30, Literaturprofessor in einem kleinen College nahe Chicago und ein verhinderter Schriftsteller, der sich in die virtuelle Welt der Onlinespiele flüchtet. Er hat es nie verwunden, dass seine Mutter Faye ihn und seinen Vater im Spätsommer 1988 aus unbekannten Gründen und mit unbekanntem Ziel verlassen hat. Damals war er 12 Jahre alt. Zudem trauert er immer noch seiner Jugendliebe Bethany nach, einer weltweit erfolgreichen Violinistin, mit deren Bruder Bishop ihn zudem ein dunkles Geheimnis verbindet.

Erst als Faye in den Nachrichten als mutmaßliche Attentäterin auf den erzkonservativen Gouverneur Packer auftaucht, macht Samuel sich ernsthaft auf die Suche nach ihr und ihrer Geschichte. Dabei muss er feststellen, dass seine Wirklichkeit auch nur ein fragmentarischer Schatten einer Wahrheit ist, die sich hinter zahlreichen Masken, Manipulationen und wahnhaften Selbsttäuschungen verbirgt und bis in die Wirren der Chicagoer Studentenproteste von 1968 zurück reicht. Und auch Faye selbst muss sich nun den Geistern ihrer Vergangenheit und sogar denen ihres Vaters stellen.

Nathan Hill ist ein opulenter, hoch emotionaler und packender Roman gelungen über eine Welt, in der allem Anschein nach die Zyniker regieren, es aber dennoch Hoffnung auf Erlösung gibt für alle Sinn- und Wahrheitssucher.

 



Lesetipp von Beate Steglich:

Betty ist tot, Edward ist tot, Terence ist tot. Eigentlich sind nur Dulcie, Isobel und Fiscal -Smith übrig. Nach Edwards Beisetzung nistet sich Fiscal-Smith bei Dulcie ein und wird von den Erinnerungen an seine Kindheit und die von Terence heimgesucht. Denn es ist nicht alles Gold was glänzt und Sir Terence Veneering, den Fiscal-Smith seit Kindertagen kannte, hatte es nicht leicht in seinem Leben.

Ein wunderbarer Baustein, der zeigt dass man ein Leben nicht nur aus einer Perspektive beleuchten kann. Wenn man alle drei Bände um diese Gruppe von Freunden bzw. Feinden gelesen hat, ergibt sich ein stimmiges Bild der Protagonisten.

Jane Gardam kann ungemein schön schreiben. Einfühlsam nimmt sie uns mit auf diese Reise in die Vergangenheit. Obwohl man ja in den beiden ersten Bücher bereits viel über Betty und die Männer erfahren hat, ist der dritte Band nicht einen Satz langweilig oder wiederholend. Wirklich große Schreibkunst.

 



 

Lesetipp von Romy Eichhorst:

Wieder ist Claudia Pinero ein ergreifender Frauenroman gelungen. In Deutschland wurden unter anderem schon die Titel die Titel 'Ganz die Deine', 'Betibu' und 'Die Donnerstagswitwen' ein Erfolg.
Auch in diesem Roman der argentinischen Autorin, steht wieder ein Frauenschicksal im Mittelpunkt.

Erzählt wird die Geschichte von Mary, die vor 20 Jahren eine verhängnisvolle Entscheidung  getroffen hat.  
Mary hat damals ihre Familie verlassen, und in den USA ein neues Leben angefangen.
Nun kehrt sie für kurze Zeit nach Argentinien zurück um an einer Sprachenschule  einen Job zu erledigen. Sie hofft dort ihren Sohn wieder zutreffen, den sie damals zurückgelassen hat.

Claudia Pinero versteht es den Spannungsbogen aufzubauen und zu halten.
Was ist damals geschehen? Was konnte sie bewegen ihr Kind zu verlassen?
Die Lektüre ist auch deshalb wieder ein großer Genuss, weil Pinero es immer wieder gelingt, die Akteure treffsicher so zu beschreiben, dass eine unverwechselbare Person vor dem inneren Auge des Lesers entsteht.

 



 

Lesetipp von Beate Steglich:

Wunderbare Erzählungen, außergewöhnlich, frech, geistreich. Wenn man, wie ich, Kind der frühen 60iger Jahre ist, kann man viele Geschichten noch viel mehr genießen, aber auch andere Jahrgänge werden viel Spaß an diesem Erzählband haben.

Das Sprachgeschick von Bob Bjerg ist einzigartig. Dieses Buch macht wirklich Spaß!

 



 

Lesetipp von Stephan Trutzl

Jens Balzer ist so etwas wie ein Pop-Papst. Überaus kenntnisreich zeichnet er in 18 Kapiteln ein buntes Bild der Strömungen innerhalb der Popmusik seit Beginn des neuen Jahrtausends. Dabei ist er durchaus nicht um objektive Vollständigkeit bemüht, sondern um subjektive Deutungen. 'Pop' will kein Lexikon sein, folglich enthält es auch kein Register. Es ist ein Lesebuch. Er beginnt mit dem 'Niedergang der männlichen Herrschaft' und endet bei der 'Protestmusik des postheroischen Mannes'. Zwischendrin erfährt man vieles nicht nur über Mainstream-Diven von Adele bis Justin Bieber oder Helene Fischer bis Rammstein. Balzer vermittelt zudem einen Eindruck von den vielfältigen Pop-Subkulturen, wo sich neue Avantgardisten und  eklektische Sinnsucher ebenso tummeln wie mehr oder auch weniger geniale Spinner. Von der 'Witch House'-Bewegung - einer Art Nebelwelt der Musikszene mit zum Teil nicht googelbaren Bandnamen - ist die Rede, dem Dubstep, der Visual Kei-Ästhetik des J(apan)-Pop und seines Publikums oder den entschleunigten Krachorgien der Metal-Mönche Sunn O))).

Natürlich frönt er hierbei auch der Eitelkeit des Kritikers. Seine Lieblinge, die er - wie die Harfinistin Joanna Newsom - selbstverständlich alle interviewed hat, preist er in intellektuellen Höhenflügen ebenso vehement an, wie er an anderer Stelle die 'klebrige Easy-Listening-Lulligkeit' Stings geißelt. Jedoch trägt diese hemmungslose Subjektivität zum Lesevergnügen so sehr bei, daß man es ihm durchaus verzeiht, wenn er mal eine Rammstein-Textzeile sinnentstellend falsch zitiert.

 



 

Lesetipp von Beate Steglich:

Ein in Hongkong lebendes Paar, er Amerikaner, sie Chinesin und ihr gemeinsamer kleiner Sohn, reisen durch China. Das klingt nach keiner lebensbedrohlichen Situation. Es wird aber dazu, als die Frau eines sehr einflussreichen und durchaus kriminellen Chinesen den Jungen haben möchte, weil sie ihn so niedlich findet. Ohne irgendein Unrechtsbewusstsein entführt man das Kind aus dem Hotel der Eltern. Die Polizei studiert zwar die Videoaufzeichnung der Hotelhalle, zerstört die Aufnahme aber sofort, als man die Entführer erkennt, zu groß ist die Angst. Die Frau, die auf den Jungen aufpassen soll, kann die Entführung nicht mit ihrem christlichen Glauben vereinbaren und bringt ihn seinen Eltern zurück. Ihr Todesurteil. Die Familie hat nur eine Chance. Sie muss auf das Gelände der amerikanischen Botschaft in Peking gelangen.

Sendker nimmt uns mit auf die Flucht. Hierbei wird die ganze Breite menschlichen Handels gezeigt, im Guten wie im Bösen. Spannend, mitfühlend, aufwühlend, erschreckend und angsteinflößend zugleich. Ein sehr gelungenes Buch.

 



 

Lesetipp von Beate Steglich:

Connie Palmens neues Buch ist die fiktive Autobiografie von Ted Hughes. Mit einer ungeheuren Sprachgewalt lässt Palmen Hughes über seine Liebe, seine Ehe und den Verlust von Sylvia Plath reflektieren. Die ganz großen Gefühle und menschlichen Abgründe kommen zum Vorschein. Palmen fängt den Leser ein und lässt ihn nicht los. Ein wirklich brillantes Buch.

 



 

Lesetipp von Beate Steglich:

Als ich das Buch in den Händen hielt, war ich voller Vorfreude auf den neuen Joel Dicker. Ich wurde nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil! Dicker schafft es, seine Leser zu fesseln, von der ersten bis zur letzten Seite. Er benutzt Zeitsprünge und die Kunst der Andeutung, um seinen Spannungsbogen zu halten. Dazu verfügt er über ein großes Sprachgeschick. In seinem neuen Buch geht es um Schuld und Sühne, Liebe und Leid und die Tatsache, dass nicht alles Gold ist, was glänzt.

Markus Goldmann arbeitet seine Familiengeschichte auf. Von frühester Kindheit an bewundert es seine in Baltimore lebenden Verwandten. Ihr Haus ist größer, die Sonne scheint heller, alles ist besser in Baltimore, so muss das Paradies sein. Nun ist er Anfang 30, ein erfolgreicher Autor, der sowohl seiner Lebensliebe, als auch den Zeiten seiner Kindheit nachtrauert. Bei den Recherchen zu seinem neuen Romanprojekt, der Geschichte seiner Familie, kommt er Geheimnissen auf die Spur, die sein ganzes Weltbild ändern. Wir Leser sind an Markus Seite und durchleben Höhen und Tiefen mit ihm. Ein wunderbarer Roman...